Thüringen

Bislang konnte Thüringen auf stetige Zuwächse beim Studium ohne Abitur blicken, wenn auch auf niedrigem Niveau. Seit zwei Jahren schießen die Zahlen der Studienanfänger*innen sowie Studierenden ohne allgemeine Hochschul- und Fachhochschulreife plötzlich in die Höhe. Mit neuen Höchstwerten belegt Thüringen in beiden Kategorien den 1. Platz im Bundesländervergleich. Das liegt daran, dass die IU Internationale Hochschule ihren Hauptstandort von Nordrhein-Westfalen nach Thüringen verlegt hat. Sie nimmt nun mehr als 90 Prozent der Erstsemester ohne (Fach-)Abitur im Bundesland auf. Die Quote der Hochschulabsolvent*innen profitiert 2020 noch nicht vom Umzug der IU und bewegt sich weiterhin im Mittelfeld. Es sprechen gute Gründe für ein Studium ohne Abitur in Thüringen. Hier gibt es beispielsweise eine Vorabquote für beruflich qualifizierte Bewerber*innen in Höhe von fünf Prozent. Zudem kann diese Personengruppe unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Bachelorabschluss direkt auf Master-Niveau ins Studium einsteigen.


Zugangsbedingungen

Hochschulzugang für Meister- und sonstige berufliche Fortbildungsabschlüsse

Berechtigung:
Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung
Einschränkungen:
Nein

Hochschulzugang für sonstige beruflich Qualifizierte

Berechtigung:
Fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung
Voraussetzungen:
Fachlich verwandte Berufsausbildung (2 Jahre)

Fachlich verwandte Berufserfahrung (3 Jahre)

Eignungsprüfung erforderlich:
möglich
Probestudium möglich:
Ja. Berufsausbildung und -erfahrung müssen zum angestrebten Studiengang fachlich verwandt sein.
Vorab Beratungsgespräch an der Hochschule.

Gesetzliche Regelungen

Hochschulzugang für Meister- und sonstige berufliche Fortbildungsabschlüsse

§ 67 Abs. 1 b bis e ThürHG: Zum Studium berechtigt sind Personen mit erfolgreich abgeschlossener Prüfung zum/zur Meister*in oder staatlich geprüften Techniker*in bzw. Betriebswirt*in oder mit einer als gleichwertig festgestellten sonstigen beruflichen Fortbildungsprüfung (nach Berufsbildungsgesetz, Handwerksordnung oder einer sonstigen öffentlich-rechtlichen Regelung) oder Personen mit erfolgreichem Abschluss einer sonstigen beruflichen Fortbildung, sofern sie durch Rechtsverordnung als mit der Meisterprüfung gleichwertig festgestellt ist oder von der Hochschule als gleichwertig festgestellt wird.

Einem zur Meisterprüfung gleichwertigen Fortbildungsabschluss muss eine mindestens zweijährige berufliche Ausbildung vorausgehen und einer darauf aufbauenden beruflichen Fortbildung, die auf bundes- oder landesrechtlichen Rechtsvorschriften beruhte, sich nicht nur auf einzelne Kenntnisse und Fähigkeiten bezog und mindestens 400 Stunden umfasst hat (§ 1 Abs. 1 der Thüringer Verordnung über die Gleichwertigkeit beruflicher Fortbildung für den Hochschulzugang).

Einen zur Meisterprüfung gleichwertigen Fortbildungsabschluss haben Absolventen einer Fachschule, einer Weiterbildung auf Grundlage des Thüringer Gesetzes über die Weiterbildung in den Fachberufen des Gesundheits- und Sozialwesens, eines Fortbildungsabschlusses gemäß §§ 53 und 54 des Berufsbildungsgesetzes oder §§ 42 und 42a der Handwerksordnung oder einer Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (inkl. vorheriger mindestens zweijähriger Berufsausbildung). Auch ein Abschluss als Wirtschaftsprüfer*in oder Steuerberater*in oder der Erwerb der Befähigung für eine Laufbahn des gehobenen Dienstes oder eines gleichwertigen Bildungsstands für Beschäftigte im öffentlichen Dienst mit anschließender mindestens zweijähriger einschlägiger Berufstätigkeit berechtigt zum Hochschulstudium (Anlage zu § 2 der Thüringer Verordnung über die Gleichwertigkeit beruflicher Fortbildung für den Hochschulzugang).

§ 67 Abs. 2 ThürHG besagt, dass Absolvent*innen, die ursprünglich aufgrund einer fachgebundenen Hochschulreife erfolgreich studiert haben, eine der allgemeinen Hochschulreife entsprechende Qualifikation besitzen.

 

Hochschulzugang für sonstige beruflich Qualifizierte

§ 70 ThürHG Abs. 1: Bewerber*innen, mit einer mindestens zweijährigen Berufsausbildung in einem zum Studiengang fachlich verwandten Bereich sowie einer entsprechenden dreijährigen hauptberuflichen Berufspraxis, „können für die Dauer von mindestens einem bis höchstens zwei Semestern auf Probe ein Studium aufnehmen." Nach Ende des Probestudiums entscheidet die Hochschule aufgrund der erbrachten Leistungen über das Bestehen des Probestudiums und die Fachsemestereinstufung; die bisher erbrachten Leistungen werden angerechnet. „Dem Probestudium muss eine umfassende Beratung durch die Hochschule vorausgehen.“ Näheres zum Studium, den Zugangsvoraussetzungen und während des Studiums zu erbringenden Leistungen regeln die Hochschulen im Rahmen ihrer Satzungen.

§ 70 ThürHG Abs. 2: Bewerber*innen, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen und mindestens drei Jahre hauptberuflich tätig waren, sind durch das Bestehen einer Eingangsprüfung „zum Studium in einem bestimmten Studiengang" berechtigt. Jede Hochschule regelt in ihren Satzungen Details des Verfahrens, u. a. für welche Studiengänge Eingangsprüfungen zugelassen werden, Form und Inhalt der zu erbringenden Prüfungsleistungen, die Zusammensetzung der Prüfungskommission sowie das Prüfungsverfahren.

 

Wechsel aus einem anderen Bundesland

§ 54 Abs. 5 ThürHG: Im In- oder Ausland erbrachte Studien- oder Prüfungsleistungen werden auf Antrag anerkannt, wenn die Gleichwertigkeit festgestellt ist. „Über die Anrechnung entscheidet die in der Prüfungsordnung vorgesehene Stelle."

 

Anrechnung von beruflichen Kenntnissen

§ 54 Abs. 10 ThürHG: Außerhalb von Hochschulen erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten können auf ein Hochschulstudium angerechnet werden, wenn „die für den Hochschulzugang geltenden Voraussetzungen erfüllt sind", „die anzurechnenden Kenntnisse und Fähigkeiten den Studien- und Prüfungsleistungen, die sie ersetzen sollen, gleichwertig sind" und „die Kriterien für die Anrechnung im Rahmen der Akkreditierung überprüft worden sind." Ferner ist geregelt, dass insgesamt nicht mehr als 50 Prozent der Prüfungsleistungen angerechnet werden dürfen. „In Einzelfällen ist eine Einstufungsprüfung, in der Studienbewerber nachweisen, dass sie über Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, die eine Einstufung in ein höheres Fachsemester rechtfertigen, zulässig."

 

Zulassung zu weiterbildenden Masterstudiengängen und Studien

§ 57 Abs. 4 ThürHG: „Das weiterbildende Studium steht Bewerbern mit abgeschlossenem Hochschulstudium und solchen Bewerbern offen, die die für eine Teilnahme erforderliche Eignung im Beruf oder auf andere Weise erworben haben. Die Hochschule regelt die Voraussetzungen und das Verfahren des Zugangs und der Zulassung zum weiterbildenden Studium. Sie kann die Zulassung insbesondere beschränken, wenn wegen der Aufnahmefähigkeit, der Art oder des Zwecks des weiterbildenden Studiums eine Begrenzung der Teilnehmerzahl erforderlich ist.“

§ 70 Abs. 3 ThürHG: In von der Hochschule zu definierenden Ausnahmefällen können auch Bewerber*innen zu weiterbildenden Masterstudiengängen zugelassen werden, die lediglich über eine fachaffine Berufsausbildung sowie mehrjährige Berufserfahrung mit fachlichem Bezug zum angestrebten Studium verfügen. „Die Bewerber müssen im Rahmen einer Eignungsprüfung einen Kenntnisstand nachweisen, der dem eines für den angestrebten Studiengang einschlägigen ersten Hochschulabschlusses entspricht. Näheres regelt die Hochschule im Rahmen ihrer Satzungen.“

 

Quoten, Auswahlverfahren und Verbleib ungenutzter Studienplätze

§ 8 Abs. 1 ThürStudienplatzVVO: Von den festgesetzten Zulassungszahlen sind je Studienort fünf Prozent der Studienplätze für die Zulassung von in der beruflichen Bildung Qualifizierten, die über keine sonstige Studienberechtigung verfügen, vorzubehalten. Es muss mindestens ein Studienplatz für jede Quote zur Verfügung gestellt werden. „Wer in mehreren Quoten zu berücksichtigen ist, wird auf allen entsprechenden Ranglisten geführt." (§ 9 Abs. 1 ThürStudienplatzVVO).

§ 13 Abs. 1 ThürStudienplatzVVO: „In der beruflichen Bildung qualifiziert nach § 8 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 sind Bewerber, die über eine einschlägige, durch Bundes- oder Landesrecht geregelte und erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, die keine Studienberechtigung verleiht, und die anschließend eine mindestens dreijährige hauptberufliche Berufspraxis in einem zum angestrebten Studiengang fachlich verwandten Bereich nachweisen können."

§ 13 Abs. 2 ThürStudienplatzVVO: Die Bewerber*innen nach Abs. 1 werden von den Hochschulen im Rahmen der Quote nach § 8 Abs. 1 zugelassen. Die Zulassungsanträge müssen bei den Hochschulen innerhalb der Ausschlussfristen eingegangen sein. „Die Rangfolge der Bewerber wird durch eine Messzahl bestimmt, die aus dem Ergebnis der Punktzahlen für das Vorliegen einer einschlägigen Berufsausbildung, dem Ergebnis der Abschlussprüfung der Berufsausbildung und der Dauer der bisherigen Berufstätigkeit ermittelt wird. Einzelheiten zur Ermittlung der Messzahl ergeben sich aus Anlage 8. Das Nähere zur Auswahl regeln die Hochschulen durch Satzung."

(Stand: März 2022)

Daten-Monitoring

Bis einigen Jahren sind die Anteile beim Studium ohne Abitur in Thüringen in allen drei Kategorien kontinuierlich gestiegen. Durch den Wechsel des Hauptstandorts der IU Internationale Hochschule ist die Quote der Studienanfänger*innen ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung (HZB) im Berichtsjahr 2020 um 5,9 Prozentpunkte gestiegen und liegt nun bei 10,8 Prozent. Damit nimmt Thüringen im Bundesländervergleich erstmals Platz 1 ein. Bemerkenswert ist auch, dass die IU Internationale Hochschule 93 Prozent der Studienanfänger*innen im Bundesland aufnimmt.

Im Bereich der Studierenden ohne allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife wird das Bundesland mit einem neuen Höchstwert von 7,2 Prozent erneut bundesweiter Spitzenreiter und liegt entsprechend auf Position 1. Insgesamt studieren in Thüringen 6.963 Erstsemester ohne Abitur.

Der Anteil der Hochschulabsolvent*innen ohne (Fach-)Abitur steigt 2020 um 0,56 Prozentpunkten und erreicht mit 2,1 Prozent ebenfalls einen neuen Höchstwert. In diesem Bereich klettert Thüringen vom Platz 8 auf Platz 6. Der Wechsel des Hauptstandortes der IU Internationale Hochschule hat hier bislang nur geringe Auswirkungen.